Wiener Zeitung : Jazzfestival “Wir vergessen, zuzuhören”

Wiener Zeitung / Jazzfestival “Wir vergessen, zuzuhören” von Christoph Irrgeher

Maja Osojnik eröffnet am Freitag das Hauptbühnen-Programm beim Jazzfestival Saalfelden. Ein Gespräch mit der vielseitigen Musikerin.
maja_osojnik Zwischen Alter Musik und Elektronik: Osojnik. © Larry Bercow

Wien/Saalfelden. Was ist Jazz? Maja Osojnik hat auch auf die scheinbar harmlose, doch tückische Frage eine Antwort. Jazz, wirft sie im Gesprächsverlauf ein, sei “eine Erzählung, die immer wieder eine freie Wendung nehmen kann”. Kein Fachbegriff, kein Genrevokabular – so mag das Osojnik, die 1976 im slowenischen Kranj zur Welt kam und in den 90ern, vorerst als Musikstudentin, Wahlwienerin wurde. Osojnik also kastelt sich gedanklich ungern ein, und wenn sie das sagt, klingt es nicht nach einer schicken Behauptung wider die Kleingeistigkeit dieser Welt, sondern nach gelebter Überzeugung. Die Frau versteht sich auf die Polyphonie der Barockmusik, schätzt aber auch ein gepflegtes Punkkonzert, ist firm auf der Blockflöte und im Jazzgesang, knöpft sich gern jedoch auch ein Volkslied vor, dreht zu experimentellen Zwecken an den Elektronik-Reglern oder arbeitet mit Field Recordings. Kurz: Osojnik tanzt mit einer Gesäßhälfte auf mindestens zwei Kirtagen.

Für das Jazzfestival Saalfelden, dem alljährlichen Salzburger Forum für Freigeister, Fantasten und Fusionierer, die ideale Frontfrau: Die Intendanz hat Osojnik eingeladen, heuer den Konzertreigen auf der Hauptbühne zu eröffnen, oder, wie man es gern ein wenig feierlicher formuliert: eine Auftragskomposition zu liefern.

Verstocktheit im Visier
Was wird es also geben, diesen Freitag ab 19 Uhr? Stilreines eher nicht. In Sextett-Besetzung und dabei unter anderem von der singenden Avantgarde-Cellistin Audrey Chen flankiert, soll über vorgegebene Grundstimmungen extemporiert werden, es wird aber auch durchstrukturierte Lieder setzen. Die textliche Ebene bedeutet Osojnik viel. Eine Nabelschaulyrik spielt es im Programm mit dem Titel “All.The.Terms.We.Are” aber wohl nicht. “Ich habe mir viele Gedanken gemacht”, sagt sie, “welche Rollen man in seinem Leben hat, als Frau, als Freundin . . . An sich hatte ich nie das Bedürfnis nach einer Terminologie, aber je älter man wird, desto schwieriger wird es, in dieser Gesellschaft zu existieren.” Unbehagen bereitet ihr vor allem ein Mangel an Interaktion. In letzter Zeit hat sich Osojnik viele Talkshows angesehen, will dabei aber vor allem Menschen beobachtet haben, die Monologe hielten, statt miteinander zu sprechen. “Wir vergessen, zuzuhören”, meint sie. Ein Problem, das durchaus auch auf musikalischer Ebene vorhanden sei. Osojnik geht es aber weniger um eine potenzielle Bedrohung ihres Berufsstandes als um die Diagnose eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens. Verstocktheit könnte man es wohl nennen. Da mache sich der Mensch einerseits seine Lebensqualität kaputt: “Wir versperren uns in Schachteln, die uns an einem freien Erleben hindern.” Andererseits sei es um die Solidarität schlecht bestellt. Stichwort Flüchtlinge: “Wir sind so angefüllt mit künstlichen Ängsten, dass wir auf so simple Tugenden wie Empathie völlig vergessen.” Seltsam, aber: “Wir schaffen es, diesen Menschen den Rücken zu kehren. Europa vergisst, dass es selbst in dieser Rolle war, am Balkan noch vor 17 Jahren einen Krieg hatte. Wir sitzen auf unserem Eigentum und bemitleiden uns dabei.” Alle diese Gedanken, sagt Osojnik, flössen in ihre Kunst ein. Es könnte am Freitagabend also durchaus intensiv werden, nach den Eröffnungsrednern aus Kunst und Politik.

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