Salzburger Nachrichten – Interview Maja Osojnik, 27.8.2015

„Ich führe gern ein Doppelleben“ / Zwischen Blockflöte und Laptop nimmt sich Maja Osojnik gern alle Freiheiten. Erst ein Anruf aus Saalfelden bescherte ihr Entscheidungsnot. Salzburger Nachrichten, Clemens Panagl
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BILD: SN/RANIA MOSLAM
Eröffnet das Jazzfestival Saalfelden: Maja Osojnik.

SALZBURG. Gegen Schubladen im Allgemeinen hat Maja Osojnik eigentlich gar nichts. „Ich weiß, dass die Welt Klarheit und Ordnung braucht“, sagt die Musikerin und Komponistin. Dass auch in der Musik große Nachfrage nach Etiketten herrscht, mit denen sich Songs beschreiben und Künstler fassen lassen, sei ebenfalls verständlich. Bloß: „Als meine Aufgabe sehe ich das nicht.“

Maja Osojnik interessierten immer schon andere Fragen: Als Blockflötistin erforschte sie, wie viel Underground-Potenzial in dem klassischen Instrument steckt. Als Sängerin kleidete sie mit ihrer Maja Osojnik Band Volkslieder aus ihrer Heimat Slowenien in eine experimentelle Tracht. Und wie intensiv ein Klang verdichtet werden muss, damit er mit dem ganzen Körper wahrgenommen wird, untersucht sie mitunter in ihrem Elektroprojekt Cdenka Raketa. Dass Musik dann nicht nur schön klingen kann, sondern „auch ganz schön brutal“, ist nur logisch: „Auch die Welt ist manchmal ganz schön brutal.“

Für alle ihre Projekte hätte Osojnik längst wieder neue Ideen im Hinterkopf. Doch alle müssen warten. Dafür sorgte heuer ein Anruf aus Saalfelden.

Jedes Jahr vergibt das Jazzfestival für den prominenten Platz des Eröffnungskonzerts einen Auftrag an heimische Künstler. Und als Maja Osojnik den Freibrief annahm, in Saalfelden ihr Wunschprojekt zu verwirklichen, brachte sie die eigene Vielseitigkeit erst einmal in Entscheidungsnot. In welche Richtung sollte sich der Sound des Auftragswerks entwickeln? Mittlerweile aber sind alle Spielanweisungen fixiert und alle Bandmitglieder versammelt: Seit Montag probt Osojniks Wunschteam in Saalfelden. Flöte und Elektro-Utensilien hat die Bandleaderin mitgebracht. Die Sehnsucht der Welt nach Schubladen hat sie zu einem Thema ihres Eröffnungskonzerts gemacht. Dennoch beziehe sich der Titel „All the Terms We Are“(dt. etwa: alle Begriffe, die wir sind) nicht nur auf Schubladisierungsversuche, die an ihrer Musik oft scheitern müssen. „Es geht auch um Fragen, die sich in vielen Lebensphasen wieder neu stellen: Wer bin ich? Was sind meine Rollen, als Musikerin, als Kollegin, als Mensch, als Freundin?“

Mit den kompositorischen Vorgaben sollen auch Osojniks Bandmitglieder Kaja Draksler (Klavier), Audrey Chen (Stimme, Cello), Matija Schellander (Bass, Elektronik), Lukas König (Drums) und Manu Mayr (Bass) freien Umgang pflegen. „Manche Teile sind komponiert. Aber für mich steht jedes Bandmitglied auch für seinen eigenen Sound, den es mitbringt, den ich beim Schreiben bereits im Kopf hatte. Das ist ein wechselseitiger Prozess, gegenseitig, wie in einem Pingpongspiel.“Sich selbst überraschen zu lassen sei nicht zuletzt beim Komponieren ein wichtiges Prinzip. „Meist beginne ich bei einem Punkt A, aber dorthin kehre ich selten wieder zurück. Ich finde Abzweigungen spannend, den Moment, in dem bei der Arbeit am Computer plötzlich ein Sound entsteht, nach dem man vielleicht gar nicht gesucht hat. Solche Zufälle haben etwas Magisches für mich.“

Kein Zufall war es, dass Osojnik schon als Jugendliche mit der Blockflöte bewaffnet auch schon früh den musikalischen Underground entdeckte. „Das war einfach meine Sozialisation: Ich hatte eine engagierte Flötenlehrerin, so habe ich mich früh in die Renaissancemusik verliebt. Aber nach der Probe mit Werken von Josquin Desprez ging ich eben in Clubs wie andere in meinem Alter auch und hörte Punkund Grungekonzerte. Ich habe schon immer ein Doppelleben geführt. Das habe ich beibehalten.“

Festival: Das Jazzfestival Saalfelden beginnt heute, Do., mit den Short Cuts. Maja Osojnik eröffnet am Freitag den Reigen auf der Hauptbühne.
Internet: WWW.JAZZSAALFELDEN.COM