Rainer Krispel / Augustin / Juni 2011 / Porträit / Broken.Heart.Collector

Rainer Krispel, Augustin, Juni 2011 / Porträit / Interview
Musikarbeiter unterwegs zum Repairshop der gebrochenen Herzen
Behind the walls of your heart and soul

(…) Spannende, sinnliche, komplexe und klare Musik ohne Genrekäfige.(…)
Die Geschichte von Broken.Heart.Collector beginnt 2008, als BulBul zum 10-jährigen Jubiläum des Gürtellokals Rhiz eingeladen wurden sich KünstlerInnen einzuladen, mit denen sie gemeinsam 10 Abende unter dem Titel „Fitze Fatze“ gestalteten. Mit der in Slowenien geborenen Osojnik, Sängerin, Komponistin und Flötistin widmeten sie sich dem „Horror“, 5 Monate später trafen Raumschiff Engelmayer, Derhunt und Didi Kern (= BulBul) auf die (Baß-)Klarinettistin Gartmayer. Drei Jahre später sind alle fünf eine Band, die gerade noch im Wonnemonat Mai des Jahres 2011 ihr Albumdebüt „Broken.Heart.Collector“ vorlegt. 10 Stücke in einem schönen Karton-Klappcover, dessen Artwork und Layout von der us-amerikanischen Künstlerin Mackie Osborne stammen, die unter anderem für die Melvins gearbeitet hat. Bevor das Quintett zu einer kilometerreichen Konzertreise nach Linz und in die Schweiz aufbricht und am 30.5. eine Albumpräsentation im dasTAG spielt liefern Maja und Didi launige Ein- und Ausblicke in Innen- und Aussenleben ihrer Band. „Wegen deiner Frisur“ antwortet Didi Kern unernst auf die Frage, warum BulBul im Jahr 2008 auf Maja als mögliche Kooperationspartnerin gekommen sind. Dabei ist die Frisur von Maja Osojnik längst eine andere, doch die nicht unbedingt naheliegende Zusammenarbeit der extrem freigeistigen, offenen „Bubenrockband“ mit Osojnik („in ihrem Œuvre verbindet sie, oft auf experimentelle Weise, Neue Musik, Volksmusik, Jazz und Elektronische Musik“ sagt Wikipedia, „ich liebe alle meine Projekte“ sagt sie) und Gartmayer hat heute eine eigene Logik und Sprache entwickelt, in der Maja und Susanna mit ihren Stilmitteln und Zugängen auf die so gewaltige wie reflektiert gesetzte Dynamik und Kraft von BulBul treffen. Ihre gemeinsame Band kann mit einem eindrucksvollen Band/Projektarsenal der Beteiligten klimpern – Ensemble Mikado, Fuckhead, Gemüseorchester, Low Frequency Orchestra, Wipeout – was es umso aussagekräfiger macht, wenn sie sich partout nicht auf Definitionen des eigenen Schaffens einlassen: „Wir machen Musik“.
Musik
Diese Musik, im fünfköpfigen Kollektiv gleichberechtigt erarbeitet und gemeinsam in nicht ganz fünf Tagen im Goon Studio am Linzer Pöstlingberg eingespielt, später editiert und mit mininmalen Overdubs (aus tontechnischen Gründen) versehen und von Oliver „Ollmann“ Brunbauer gemischt fasziniert mit zahlreichen Elementen, ihrer großen Freiheit und ihren Stories. Der subversive Rhythmiker Didi Kern und Maja Osojnik teilen die Leidenschaft für field recordings, den Klang des Gefundenen, den Klang der Umgebung. Was – subtil – im Klangbild von broken.heart.collector seinen Niederschlag findet. BulBul-Fragmente finden bei broken.heart.collector eine neue Form, aus einem 4 Jahre alten Sketch wurde als „Boatwischmusik“ ein Glanzstück des Albums. Ein Drone, der Maja Osojnik als Vokalistin/Texterin zur Geschichte des unvermeidlichen Verfalls seiner Protagonistin einen fiktiven „Highway“ entlang inspiriert, so gebrochen und zwingend wie der Rhythmus des Stücks, den Didi Kern eben nicht spielt/trommelt. Maja: „Ich liebe marginale Charaktere, die für mich eben nicht marginal sind. (…) Ich habe eine Vorliebe für das Leben beim Texten (lacht), phantasiere viel, schlüpfe in andere Rollen.“ Wie in die des „paranoiden Postboten, der Angst vor Hunden hat“ in „Get The Dog“. Der Song endet mit den Zeilen „get the dog before the dog gets you“. „Manchmal hilfts dir gar nichts dass du brüllst, manchmal bleibt dir gar nichts über als zu brüllen“ sagt die Stimmkünstlerin und deutet darauf hin, dass Broken.Heart.Collector GrenzgängerInnen sind, deren vielklingende Ausflüge weit über Worthülsen wie „Experimental-, Avantgarde-, Pop- oder Impro-Musik“ hinausgehen, nicht zuletzt weil die persönliche und künstlerische Balance zwischen allen Beteiligten einfach passt, bis hin zu Label und Bookingagentur. „Musik mit und aus einer Passion, Glaube und Überzeugung“ sagt Maja ohne Pathos und reicht noch nach, dass Sub-Szenen und –Kulturen absolut ihre Notwendigkeiten und Bedeutungen haben, es manchmal aber einfach angebracht ist, aus ihnen herauszusteigen und das, was sie vermeintlich trennt zu überbrücken. Vielleicht dabei am Weg, frei nach der Geschichte von Maja Osojnik, die dieser Band ihren Namen gibt das vor langer Zeit in einem kleinen Herz-Reperaturgeschäft abgegebene gebrochene, geschundene Herz der Musik abholen und wieder frei schlagen lassen.