Jazzfest Saalfelden: Wildgewordene, schrullige Abstraktion

Jazzfest Saalfelden: Wildgewordene, schrullige Abstraktion
Ljubisa Tosic30. August 2015, 16:51

Das Festival gab sich stiloffen: Nebst einer emotional intensiven Er√∂ffnung durch Multitalent Maja Osojnik √ľberraschte der Klarinettist Michael Riessler

Saalfelden ‚Äď Unangenehm, wenn ein Festivalprogramm, im Idealfall selbst eine formvollendete Komposition, durch Absagen fragmentiert wird. Das Potenzial eines mehrt√§gigen Arrangements von Ereignissen zeigt sich andererseits genau in Augenblicken, da es gilt, entstandene Leerstellen niveauvoll wegzuzaubern. Sicher war Saalfelden also ein Pechvogel, da gerade Thomas de Pourquerys Sun-Ra-Projekt ausfiel. W√§re interessant gewesen zu h√∂ren, wie das Werk des verstorbenen Big-Band-Mystikers mit dem Hang zu kosmischen Fantasien als Objekt der Verarbeitung gewirkt h√§tte.

Dann allerdings sprang das Trio des Saxofonisten und Bassklarinettisten Michael Riessler ein und formte das Jazzfestival zum Gl√ľckspilz unter den Pechv√∂geln. Ungew√∂hnliches Fundament dieses (der europ√§ischen Kammermusik zugeneigten) Ansatzes war die mit harmonisch-melodischer Exzentrik intervenierende Drehorgel von Pierre Charial. Das Element der Improvisation profitierte extrem von dieser schrulligen Klangwelt.

Charial t√∂nte, als w√§re er aus einem Horrorfilm her√ľbergebeamt worden, in dem er gerade irrwitzig flink gruselige Sonaten zelebriert, w√§hrend ihn der Dritte im Bunde ‚Äď Cellist Vincent Courtois ‚Äď diskret erg√§nzt. Der Eindruck einer schummrigen Party auf einem verwunschenen Schloss, in dem Klarinettist Riessler als Gastgeber fungiert, blieb allerdings nicht das einzig Reizvolle.

Sinn des Free Jazz

Der Triovorstand beherrscht ja nicht nur die sogenannte Kreisatmung, die es erlaubt, ohne Luftholunterbrechung Endloslinien zu entwickeln. Er verf√ľgt auch √ľber Gestaltungsenergie, vermag lukrativ die Illusion eines zweistimmigen Kontrapunkts zu erwecken und zeigt so, wie freejazzige Improvisation mit Sinn erf√ľllt werden kann: indem bei aller Emphase der quasi kompositorische √úberblick bewahrt wird. Das Einspringertrio entpuppte sich als ungeplanter H√∂hepunkt eines Festivals, das sich wieder einmal offenherzig der Stilweite hingab.

Da war die schwedisch-norwegische Formation Boat um den Drummer Teun Verbruggen: Freie Ausbr√ľche aus definierten Songformen demonstrierten den anarchischen Hang zur Dekonstruktion. Andernorts wurde es auf exzentrische Art und Weise traditionell: Als w√§re der poetische Saxofonist Jan Garbarek bei Chick Coreas bombastischer Jazzrock-Band Return to Forever eingestiegen, w√§hrend im Proberaum ein Erdbeben alle Musik durcheinanderr√ľttelt, klang das mitunter. Also witzig, rockig und gern auch widerborstig.

Auch etwas Hard Bop

Die bisweilen wilde Abstraktheit der Formation Atomic musste sich hinter solch K√ľnsten nicht verstecken. Pr√§gnante Staccatothemen gemahnten an die Hard-Bop-√Ąra, nerv√∂se Walkingbass-Linien erzeugten Dringlichkeit. Und √ľber all der Beschw√∂rung von Tradition regierte die virtuos umgesetzte Lust am Fantasieren, die witzige Bl√§serarrangements anzustacheln geruhten.

√Ąhnliches h√§tte die Hoffnung auch von US-Saxofonist Steve Coleman erwartet. Sein Kammerensemble Council of Balance wirkte von der √ľppigen Besetzung her gut ger√ľstet, dichte Solomomente mit schillernder orchestraler Assistenz zu versorgen. Der Meisterimprovisator jedoch exekutierte mit dem Kollektiv vielfach endlos lange Phrasen, erzeugte sterile Strukturen. Es wirkte, als w√§ren Morsezeichen vertont worden, als w√§re das Kammerensemble eine Musikn√§hmaschine.

Um wie viel vielschichtiger dagegen die Er√∂ffnung des Festivals: Multitalent Maja Osojnik pflanzt bei dem Auftragswerk All.The.Terms.We.Are poetische Songbl√ľten in d√ľstere Ger√§uschlandschaften. Dabei geht sie als S√§ngerin energisch klagend, rezitierend, hauchend und Fantasiesprache einsetzend eindringlich in Extrembereiche des Ausdrucks. Ergebnis war eine markante Fusion von Elektronik, avanciertem Pop, Kammermusik und existenziellem Aufschrei. (Ljubisa Tosic, 30.8.2015)

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