„Ich wollte experimentell mit dem Klang arbeiten, aber trotzdem bei meiner Art von Song landen“ – MAJA OSOJNIK im mica-Interview

MAJA OSOJNIK ist der Inbegriff musikalischer Vielfalt, spielt sie doch in Combos wie Low Frequency Orchesta, Maja Osojnik Band, Broken.Heart.Collector, Rdeča Raketa, Subshrubs – und das ist nur ein kleiner Auszug. Zudem stampfte sie Majas Musik Market aus dem Boden: eine Messe für heimische Musik, die diese ins Rampenlicht stellt, die Community gleichzeitig vernetzt und der Öffentlichkeit näher bringt. Am 20. Februar stellt MAJA OSOJNIK im Wiener brut ihr selbstproduziertes, von Patrick Pulsinger gemischtes, von Rashad Becker gemastertes und von Raumschiff Engelmayr (Bulbul) designtes Soloalbum „Let Them Grow“ (Rock is Hell / Unrecords) der Öffentlichkeit vor – und plaudert hier mit Clemens Marschall bereits aus dem Nähkästchen:

Sie sind sehr umtriebig und haben unzählige Bands am Laufen – warum hat es also so lange gedauert, bis Sie Ihr erstes Soloalbum aufgenommen haben?

Maja Osojnik: Weil ich sehr umtriebig bin und unzählige Bands am Laufen habe [lacht]. Nein, aber ich bin eigentlich ein Bandmensch. Ich mag den Dialog, die Interaktion beziehungsweise den musikalischen Austausch mit anderen; etwas zusammen aufbauen und vor allem zusammen über die Zukunft träumen. Aber ich habe immer wieder Aufträge für Kompositionen für Ensembles, Theater, Film, Tanz – und da ist dann langsam über die Jahre das Bedürfnis gekommen, einmal nur mit mir selbst zu spielen [lacht]. Und gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis nach Rückzug.

Das Album ist dann langsam gewachsen, über längere Zeit und an verschiedenen Orten?

Maja Osojnik: Genau. Das Skizzenbuch, der Computer und das Aufnahmegerät haben mich die zwei Jahre auf Reisen begleitet und ich habe immer, wenn ich die Zeit dazu hatte, daran gearbeitet. Die Idee ist 2013 gekommen, dass ich mich alleine dieser Herausforderung stelle und herausfinde, wie unabhängig von Bands ich eigentlich bin. Damals habe ich auch langsam damit begonnen, Solokonzerte zu spielen. Das war sehr spannend für mich: Wenn’s gut ging – I was a goddess! Und wenn nicht, war niemand da, um meinen Arsch zu retten. Dann entdeckt man auch so eine Art Überlebensdrang: Wie rette ich mich raus aus dem Schlamassel, den ich mir gerade selbst eingehandelt habe?
Der zweite Grund war der, dass ich über Jahre Klänge gesammelt habe. Ich habe dann verschiedene Bibliotheken für verschiedene Soundkategorien angelegt: Field Recordings, teilweise Abfallprodukte von anderen Projekten, Ideen oder Skizzen, die nirgends hingepasst haben, Sounds, die sich am Computer angesammelt haben … Und auch Material aus Auftragskompositionen, das zu gut war, um es zu vergessen: Solche Auftragswerke werden normalerweise zwei-, dreimal gespielt und dann landen sie im Archiv. Da waren ein paar Dinge dabei, die ich nicht in der Lade verschimmeln lassen, sondern sozusagen auf dem Album verewigen wollte. Das war alles in allem ein sehr aufwendiger, langwieriger und komplexer Prozess, bis ich mit der musikalischen Ebene zufrieden war.

Sie haben im Zusammenhang mit verschiedenen Sound Recordings einmal von der „Ästhetik des Schiachen“ gesprochen.

Maja Osojnik: Ich habe eine Bibliothek mit all meinen kaputten Aufnahmen angelegt, die ungewollt übersteuert waren, wo komische Dinge passiert sind, die nicht geplant waren. Einmal hatte ich einen kaputten Computer und habe versucht, die Files zu retten. Was da aber rausgekommen ist, waren total komische Distortions und extrem schräge, phasenverschobene Sounds. Als ich das gehört habe, dachte ich mir, dass das fantastisch klingt, eine Art von Klangkosmos, zu dem man auf herkömmliche Weise gar nicht kommt. Das war eine meiner ersten Bibliotheken.
„Ästhetik des Schiachen“ ist auch ein interessantes Statement. Die Frage ist: Was ist eigentlich schiach? Man nimmt das Schiache von der Gesellschaft zu sich, um damit zu arbeiten, es zurückzugeben und dann zu sagen: „Das ist eigentlich schön und genau das, was mir gefällt.“ Somit ist es für mich eigentlich die „Ästhetik des Schönen“ oder einfach die „Ästhetik des Seins“.

Condition IV. from maja osojnik on Vimeo.
Von der „Ästhetik des Schiachen“ zur „Ästhetik des Schönen“

Wie ist bei „Let Them Grow“ die Gewichtung von Improvisation und Komposition ausgefallen?

Maja Osojnik: Ich finde beides sehr wichtig. Das geht bei mir Hand in Hand. Manchmal habe ich eine Idee und komponiere die dann streng auf Papier. Andererseits habe ich auch improvisiert, und daraus hat sich ein eigenartiger Groove entwickelt, der mir gefallen hat, der dann zur Grundlage eines Stücks geworden ist. Ich verwende gern das Konzept von „Composing in Time“: eine Mischung aus Planung und gleichzeitiger Spontaneität. Es ist wichtig, auch dem Moment, dem Zufall eine Rolle anzuerkennen und zu lernen, unmittelbar zu reagieren. Das sind so meine Gedanken, wenn ich komponiere oder improvisiere.

Kein einziger Song auf der Platte ist nach klassischen Songstrukturen aufgebaut, sondern es sind lauter kleine Universen, die nur ihren eigenen Gesetzen folgen.

Maja Osojnik: Das kommt aus meinem Bedürfnis, Songs anders zu schaffen, und aus meiner musikalischen Sozialisation. Ich bin sehr stark von zeitgenössischen Komponistinnen beeinflusst, wollte das aber auch verbinden mit meiner Liebe zum Underground, zum Noise, und ebenso zu einem simplen Song mit einer erzählerischen Textebene. Ich wollte experimentell mit dem Klang arbeiten, aber trotzdem bei meiner Art von Song landen. Und ich wollte nichts bedienen, was eh schon da ist.

Auf „Let Them Grow“ sind auch einige musikalische Gäste vertreten: Tamara Wilhelm (Möström, Erstes Wiener Gemüseorchester), Manu Mayr (Kompost3), Matija Schellander (Rdeča Raketa, Metalycée), Patrick Wurzwallner (Heifetz, Waikiki Star Destroyer).

Maja Osojnik: Ich wollte auf dem Album eigentlich nicht mit dem Material von anderen Musikerinnen und Musikern spielen, sondern wirklich eine Soloplatte machen und die musikalischen Lösungen selbst suchen. Im Laufe der Arbeit habe ich aber einen Weg gefunden, das strenge Verbot zu umgehen. Ich habe also Samples von den Gästen genommen, ganz kurze Einheiten, und die dann weiterverarbeitet. Das, was zum Beispiel Patrick [Wurzwallner; Anm.] am Schlagzeug eingespielt hat, wurde zerschnitten, verfremdet, bearbeitet und ist nicht mehr als Schlagzeug erkennbar. Die schlagzeugähnlichen Sounds auf der Platte hingegen habe ich selbst mit runtergepitchten Pingpongbällen, Installationsrohren und anderen Materialien gemacht.

(Re) Präsentation kleiner Kunstwerke

Das Album ist ein sehr stimmiges und dunkles Paket, sowohl visuell als auch akustisch. Auf dem Coverfoto, das in Kooperation mit Raumschiff Engelmayr und Rania Moslam entstanden ist, verstecken Sie Ihr Gesicht, und in den Texten geht es viel um Zustände wie Schmerz, Wut, Zorn, Enttäuschung. Aber Sie machen eigentlich den Eindruck eines sehr positiven Menschen.

Maja Osojnik: Ich verstecke die andere Seite [lacht]. Es gibt diesen Moment der Konfrontation, wo man zuerst etwas nicht sehen oder zugeben möchte. Irgendwann muss man sich aber der Angst stellen und das Bedürfnis hinzuschauen wird doch stärker als das Bedürfnis, etwas vorzutäuschen, etwas nicht zu sehen. Das Cover ist vielleicht auch als eine Geste des Rückzugs, des Versteckspielens zu verstehen, wie Kinder es zum Beispiel machen, nach dem Prinzip: „Wenn ich dich nicht sehe, dann siehst du mich auch nicht.“ Und als Gegenteil zum Cover ist die Erzählung auf der Platte dann doch dieses Hinschauen, entblößt und persönlich zu werden. Dennoch spielen Metaphorik und Mehrdeutigkeit in meinen Texten eine wichtige Rolle.
Das begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Es ist ein Dilemma, ein Kampf zwischen Hoffnung und Kapitulation. Auf der einen Seite habe ich immer diesen naiven Zugang zur Menschheit, wo ich mir denke, dass ich die Welt schöner machen und dabei Spaß haben möchte. Ich finde mich aber auch immer wieder in der Verzweiflung, dass ich Elend und Gewalt einfach nicht ignorieren kann, die aus Egozentrismus resultieren; wie viele Verletzungen wir zulassen und uns zufügen, weil wir nicht einen Schritt weiterschauen können. Ich musste mich entscheiden: Wie sehr lasse ich mich als offenes Buch lesen und wie oft wird dieses Buch dabei zerkratzt? Damit muss ich dann leben, weil ich das Buch ja offen angeboten habe.

Die Texte sind teilweise wirklich sehr persönlich und intim. Man kann natürlich nicht die Autorin mit dem Erzähler-Ich gleichsetzen, aber Sie liefern trotzdem eine offene Angriffsfläche. Kam es da schon zu Missverständnissen oder komischen Situationen?

Maja Osojnik: Wie gesagt, sind die Texte eine Abrechnung: einmal auf persönlicher Ebene, aber auch mit der ganzen Welt und der Gesellschaft. Es gibt Texte, wo jemand sagen kann: „Wow, sie ist total sadomaso in ihrer Beziehung und wird von ihrem Mann gewürgt.“ Ich spreche nicht nur physische, sondern vor allem psychische, weniger offensichtliche Gewalt in Partnerschaft und Freundschaft an, aber der Song „Tell Me“ ist eigentlich eine Abrechnung mit der Welt und der Gesellschaft. Wer bin ich in der Welt? Wo will mich die Gesellschaft sehen? Wie gehe ich damit um? Wie entstehen Bilder über Menschen, die oft gar nicht wahr sind? Man kriegt eine Rolle zugeschrieben, die überhaupt nicht zutrifft, und trotzdem nimmt man sie manchmal unbewusst an – und dann hasst man sie wie die Pest und wird sie nicht mehr los.
Es geht um die Erkenntnis, dass man von außen, von der Welt erklärbar und definierbar sein muss, und um dieses Streben nach Wiedererkennbarkeit. Aber wie einfach und offensichtlich muss etwas sein, damit es wiedererkennbar ist? Und letztendlich, für wen eigentlich? Damit tue ich mir schwer.

Die Plattenpräsentation ist am 20. Februar im brut, im Rahmen von 16jahre.klingt.org. Wie sehen Ihre Liveshows aus: Ist es das Ziel, dass alles so klingt wie auf der Platte, oder soll daraus etwas wiederum Eigenständiges entstehen?


Maja Osojnik:
Ich nenne Platten immer „kleine Kunstwerke“. Dieses ist über zwei Jahre entstanden, mit Stücken, die teilweise 60 Spuren haben und sich über Monate entwickelt und gemorpht haben. Die Platte verlangt danach, sich die Zeit zu nehmen und einzutauchen, einen Film spielen zu lassen, der im Kopf entsteht. Sie ist wie ein Trip, als Reise und als Droge gedacht – am besten man hört sie mit einem Kopfhörer und laut [lacht]. Ich sehe es nicht als sehr sinnvoll, die Platte immer wieder zu reproduzieren. Live verwende ich das Material und improvisiere damit. Ich möchte Stimmungen schaffen, die der Platte ähneln, Songs ankratzen oder ihnen nahekommen, aber ich glaube nicht, dass es mich interessiert, sie eins zu eins nachzuspielen.

Planen Sie noch ein weiteres Soloalbum oder war der Weg zum ersten so langwierig, dass Sie jetzt genug davon haben und sich wieder auf Ihre Bands fokussieren?

Maja Osojnik: Ich fand, dass das eine extrem spannende Zeit war und ich auch viele Antworten für mich bekommen habe. Es war ein personal dystopic diary über zwei Jahre, naturgemäß eine sehr persönliche Sache, teilweise entblößter und weniger metaphorisch als andere Arbeiten, was für mich auch ein spannender Schritt war. Jetzt ist wieder Zeit für meine Bands, die ich vermisse, aber: never say no! Ich glaube schon, dass ich diesen Rückzug in ein paar Jahren wieder brauchen werde. Ich finde es auch gut, dass ich meinen Weg gefunden habe, als Solistin zu agieren. Und das wird meine Mission für die kommenden Monate: Diese Platte auf meine Art zu präsentieren.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Clemens Marschall

http://www.musicaustria.at/magazin/jazz-improvisierte-musik/interviews-portraets/ich-wollte-experimentell-mit-dem-klang