FREAKSHOW: BROKEN.HEART.COLLECTOR Autor: Rigobert Dittmann. In: Bad Alchemy, Heft 78 (www.badalchemy.de)

FREAKSHOW: BROKEN.HEART.COLLECTOR
Autor: Rigobert Dittmann. In: Bad Alchemy, Heft 78 (www.badalchemy.de)

Was f├╝r ein Drama. Und dabei hatte ┬áich meine Erwartung doch extra ged├Ąmpft, um ja nicht entt├Ąuscht zu sein, wenn es nur ‘gut’ w├╝rde, bei dieser endlich realisierten Heimsuchung durch das herzensbrecherische ├Âsterreichische Quintett am 26.06.2013 im IMMERHIN. Und nun doch diese Flut von knurrigen Braunt├Ânen. So wie da gebrochene Herzen gegrillt werden, sind getrocknete Blutflecken unvermeidlich. Das Rotbraun tropft und spritzt von Maja Osojniks Altstimme, ihren braunen Stiefeletten, ihren Kniestr├╝mpfen, die bei ihrem temperamentvollen Wippen gelegentlich die blo├čen Knie unter dem schwingenden Rock aufscheinen lassen. Es strahlt aus von Susanne Gartmayers rosigen Backen und dem herbstbraunen R├Âhren ihrer Bass- und, noch uriger dann, ihrer Kontraaltklarinette. Osojnik verst├Ąrkt diese Braunt├Âne noch, wenn sie ihre Bassblockfl├Âte fl├Âtet, ein Kasten, gro├č genug f├╝r eine ganze Pelztierfamilie. Dazu l├Ąsst am linken Fl├╝gel Derhunt seinen Bass grummeln, alsw├╝rde gleich die Phalanx brauner Langohren auf seiner T-Shirt-Brust abheben. ┬áDaneben trommelt sein Bulbul-Partner Didi Kern zwar kernig, aber ganz unstur. Die Feinarbeit dieser Rhythmsection steht im faszinierenden Widerspruch zu ihren kompakten Gestalten. Daf├╝r ist Manfred Engelmayr, bebrill und quergestreift, sowohl optisch als auch praktisch, das demonstrative Gegenbild eines Rockgitarristen. Und wer von denen w├╝rde auch mit einem winzigen Blechgie├čk├Ąnnchen slide spielen, wer eine Perle auf den Saiten rollen lassen, so dass sich f├╝r das rockige Herzst├╝ck dieser Musik ein neuer wilder Kontext ergibt? Denn die Herzensammler erweisen sich als Biest mit drei Gesichtern, besser, drei Aspekten, die changierend einen dramatischen Spannungsverlauf gestalten. Aus dem die Momente, die pathetischen Gesten herausragen, bei denen Osojnik einem ans Herz greift oder an die Gurgel geht. Mit Love-Songs, auf denen d├╝stere Wolken oder schon schwerer Regen lasten – ‘Another Heart Bites the Dust’, ‘Boatwischmusik’ … cry yourself to sleep now. Wobei diese Tr├╝bsal desertrockig swingt oder als Tango daher kommt und einem Seligkeit verspricht, nicht trotz, sondern wegen alledem. Darum ist ‘Eisenwalzer’ ein so pr├Ąchtiger Titel. Als ein Tanz mit eisernen Gliedern und Heulbojenalarm, bei dem jede Drehung einen Blutfleck an die Wand klatscht. Doch zwischen solchen Aufschw├╝ngen d├Ąmpfen sich die f├╝nf zu zwielichtigem Herzflimmern, improvisatorischer Klanggestaltung mit spitzen Fingern, bei der auch Bass und Schlagzeug nur noch blinken und zirpen und Osojnik an Effekten schraubt. Aber man muss darauf gefasst sein, dass Engelmayrs best├Ąndig unorthodoxes Gefinger mit den schon angesprochenen Finessen, dass das kollektive Flirren, Ticken und Schaben oder Osojniks gedankenversunkenes R├Ąsonieren abrupt eskalieren zum zornig schroffen oder lustvollen Aufschrei, wobei sogar die scheinbar aller Tollerei abholde Klarinettistin kirrt und wie ein K├Ąnguru hopst. ‘Get the Dog’ ist so ein krachiger Tempo- und Muntermacher. Und auch ‘Wolves’ mit seinem This is how their hearts beat, this is how they sound. Mir geht diese totale und glorreiche Musik rein wie sonst kaum etwas.