Die Presse: Interview Maja Osojnik, 25.8.2015

Maja Osojnik: „Man riet mir früh vom Singen ab“

Maja Osojnik, Flötistin, Elektronikerin, Sängerin, wird das Jazzfestival Saalfelden eröffnen. „Die Presse“ sprach mit ihr über den Wert des Schmerzes und gesunde Hürden.
25.08.2015 | 18:19 |  von Samir H. Köck  (Die Presse)

Manchen Hörern bringt abstrakte Musik schöne Erlebnisse. Andere fühlen Schmerz dabei. Aber auch das ist ein positives Kunsterlebnis, eines das viel zu oft unterschätzt wird“, sagt Maja Osojnik. Die aus Kranj in Slowenien gebürtige Musikerin, die seit 1995 Wien als Lebensmittelpunkt hat, ist viel mehr als bloß eine weitere Domina in der strengen Kammer der Avantgardemusik. Niemand anderer wirbelt mit derartiger Leidenschaft durch Genres, die eigentlich nicht miteinander kompatibel sind. Sie praktiziert bösen Noise und liebliche Renaissancemusik, ruppigen Jazz, wilden Punk und abstrakte Improvisation. Leicht verdaulich ist nichts davon.

Osojnik ist eine Suchende, die ihre Hörer zum Forschen verführen will. „Das mundgerechte Servieren liegt mir nicht. Ich baue bewusst Hürden ins Hörerlebnis“, legt sie ihr Credo fest. Eine Freundin nannte sie schon vor Jahren „United States Of Maja“, weil es wohl niemanden gibt, der so viele musikalische Gesichter hat: Ein braves, wenn sie im Flöten-Ensemble Mikada spielt, ein konzentriertes, wenn sie die gewaltigen Texturen des Low Frequency Orchestra meistert, und ein aufgewühltes, wenn sie mit Rdeča Raketa herumtobt. Zudem spielt sie bei den Subshrubs sowie bei FruFru und leitet die Maja Osojnik Band wie das Maja Osojnik Quartett. Bleibt dann noch Zeit, schreibt sie, um mit Vorurteilen aufzuräumen, alte Partisanen-Lieder auf schwul um. Oder sie nimmt, wie heuer, den begehrten Kompositionsauftrag des Jazzfestivals Saalfelden an.

Elegant und subversiv zugleich
„So eine Carte blanche ist schon eine besondere Ehre. Da darf ich nicht zu viel darüber grübeln, sonst werde ich nervös“, sagt Osojnik, die dafür eine neue Formation zusammenstellte, mit explosiven Ladies wie der Pianistin Kaja Draksler, der Cellistin Audrey Chen und ein paar jungen Wilden aus Wien, darunter Schlagzeuger Lukas König von Koenigleopold. Die fünf Musiker werden unter dem die Programmatik bestimmenden Akronym A.T.T.W.A. antreten: All the terms we are. Osojnik wird einen Blick hinter die Etikettierungen wagen, mit denen wir im Alltag in Schubladen verfrachtet werden. Sie will die Muster unterlaufen.
Elegant und subversiv: „Wir alle sind Tags, Styles, Brands. Wir werden bis ins letzten Detail beschrieben, ob wir es wollen oder nicht. Die Welt braucht Ordnung und Klarheit. Die Kunst nicht. Sie muss das Faktische transzendieren.“ Die Sounds werden von allem gespeist sein, was sie im Lauf der Jahre geprägt hat. Die größte Herausforderung: Elemente, die bei den Proben langsam reifen, mit jenen zu verbinden, die im Augenblick entstehen. Gesanglich wird sie von Chen unterstützt, deren glockenhelle Attacken gerne als „reality-piercing“ bezeichnet werden. Osojnik selbst ist in tieferen Registern zu Hause. Wäre es nach den Ärzten gegangen, hätte sie niemals zu singen beginnen dürfen. Sie hatte praktisch von Geburt an Knoten auf den Stimmbändern. „Wahrscheinlich war mein erster Schrei auf Erden ein falscher, der mir die Stimme ruiniert hat. Man riet mir früh von einer Beschäftigung mit Singen oder dem Theater ab. Das hat mich natürlich gereizt, es dennoch zu tun.“

Vorbilder lehnt Osojnik ab. „Nicht allem, was mir gefällt, strebe ich nach. Ich liebe Sopran, den ich mit meiner Stimme gar nicht singen kann. Im Pop und Jazz verehre ich P.J.Harvey, Björk und Sarah Vaughan. Aber man muss seinen eigenen Weg finden. Singen ist etwas wahnsinnig Intimes.“ Im Lauf der Jahre hat sie mit ihrer Musik viele Preise gewonnen. Korrumpiert das nicht? „Nein. In der Musik, in der ich mich bewege, ist die Möglichkeit, dass man Preise erringt, von beinahe existenzieller Wichtigkeit. Ich bin sehr dankbar dafür. Das romantische Bild des hungernden Künstlers mag ich nicht. Nur auf das Publikum angewiesen zu sein, wäre alles andere als ideal. Dann würde man ja Entertainment machen.“
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