Das Jazzfestival Saalfelden beginnt mit einem Appell

Salzburger Nachrichten: Das Jazzfestival Saalfelden beginnt mit einem Appell
29.8.2015

Der erste Applaus beim Jazzfestival galt einem Appell f├╝r mehr Menschlichkeit, den die Veranstalter an das Publikum richteten.
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Jazzfestival Saalfelden 2015

Jazzfestival Saalfelden 2015

Bild: SN/Heinz Bayer

Es war eine ebenso vielstimmige wie vielseitige Er├Âffnung der Hauptb├╝hne beim 36. Jazzfestival Saalfelden: Elektronisch verfremdete Kl├Ąnge schickten das Publikum Freitagabend auf eine emotionale Tour de Force, aber auch Harmonie und Groove wurden geboten. Wirklich bedr├╝ckend war es nur eingangs, als mehrfach ein Handeln angesichts der aktuellen Fl├╝chtlingskatastrophe eingefordert wurde. Veranstalter und Politik gingen dabei – ganz dem diesj├Ąhrigen Motto und Sujet des Festivals entsprechend – Hand in Hand, als etwa B├╝rgermeister Erich Rohrmoser (SP├ľ) betonte, dass “wir alle gefordert sind”. Nicht nur die Fl├╝chtlingskatastrophe auf der A4 diese Woche habe dies vor Augen gef├╝hrt. “Es geht um eine positive Stimmung, um Unterst├╝tzung, um Kommunikation.” Harald Friedl, der gewohnt unterhaltend durch den Abend f├╝hren sollte, forderte schlie├člich die Anwesenden im Congress dazu auf, aufzustehen und damit ihre “aufrechte Haltung” im Umgang mit Fl├╝chtlingen zu demonstrieren – was sofort umgesetzt wurde.

Vor diesem Hintergrund war es anschlie├čend schwer, aus Maja Osojniks Auftragsarbeit f├╝r das renommierte Festival keine Andeutungen und Parallelen zu Flucht und Leid, zu Hoffnung und Mut zu lesen. Die geb├╝rtige Slowenin, die seit mehreren Jahren ihre k├╝nstlerische Heimat in Wien hat, evozierte mit “All.The.Terms.We.Are” starke Bilder vor dem inneren Auge und forderte ihren Zuh├Ârern einiges ab. Zun├Ąchst nur auf die Kraft ihrer Stimme im Loop setzend, gab es besonders im gutturalen Zusammenspiel mit der Cellistin Audrey Chen ebenso eindrucksvolle wie beklemmende Akzente zu erleben, die sich in das klangliche Bild aus Elektronik, Bass, Piano und Schlagzeug webten.

Immer wieder ging das Sextett, komplettiert durch Kaja Draksler, Matija Schellander, Manu Mayr und dem formidablen Schlagzeuger Lukas K├Ânig, harmonische Strukturen ein, griffen die Zahnr├Ąder m├╝helos ineinander und wurde geradezu nachvollziehbarer Sch├Ânklang erzeugt – um im n├Ąchsten Moment in Trauer und Wut zu m├╝nden. Fragmentarisch, eruptiv und bedrohlich zog Osojnik diese Montage mit aller Ernsthaftigkeit und gleichzeitig sp├╝rbarer Lust durch, w├Ąhnte das Publikum in Sicherheit, um es sofort wieder von der Klippe zu st├╝rzen. Das Fluchtnarrativ, das man zu erkennen glaubte, l├Âste sich zusehends in eine breit gestreute Erz├Ąhlung der Suche per se. Am Ende st├╝lpte die Musikerin ├╝ber diese organisch pulsierende Betrachtung des Selbst einen geradezu lieblichen Schluss.

Womit sie zumindest die Stimmung setzte f├╝r die folgende und von den Anwesenden ebenso st├╝rmisch gefeierte Darbietung: Der US-Bassist Chris Lightcap hat mit seinem Bigmouth in diesem Jahr eine Hommage an New York ver├Âffentlicht. Die St├╝cke von “Epicenter”, zum Teil entstanden als Auftragsarbeit, sind Beschreibungen seiner Lieblingsorte in der Metropole. Und das kann durchaus ein Teil eines Highways sein, wie gleich zu Beginn das eing├Ąngige “Nine South” unterstrich. Recht klassisch und meist feingliedrig ging das Quintett zu Werke und belohnte eine Stunde lang mit dringlicher Rhythmik und verspielter Melodief├╝hrung.

Dabei war es ein Genuss, den verschiedenen Auspr├Ągungen dieser Stadterkundung zu lauschen: Chris Cheek und Tony Malaby an Alt und Tenor Saxophon umspielten einander, neckten sich und gaben sich Raum; Pianist Matt Mitchell schien immer wieder zu enteilen, trat seine eigene Reise an, blieb dabei aber stets im Blickfeld und verlor auch das gro├če Ganze nicht aus eben jenem; die Aufmerksamkeit des Publikums lenkte Schlagzeuger Gerald Cleaver mit klugen, auf das Wesentliche reduzierte Gewichtungen; und ├╝ber all dem thronte im Hintergrund Lightcap, bescheiden die F├Ąden ziehend und doch den so dringend notwendigen Puls f├╝r dieses lebendige Klangwesen liefernd. Ein Auftritt wie aus einem Guss.

Dem international besetzten Bureau of Atomic Tourism musste man nach der Pause dann bescheiden, in diesem klanglichen Wettlauf etwas abgefallen zu sein. Die Formation um Drummer Teun Verbruggen, deren Mitglieder aus Belgien, Island, Schweden und den USA stammen, hob etwas schwerf├Ąllig, vielleicht zu bed├Ąchtig an, um im weiteren Verlauf des das aktuelle Album “Spinning Jenny” in den Fokus r├╝ckenden Auftritts doch noch an der Energie-Schraube zu drehen. Nur ganz aufholen konnte man den verschlafenen Start nicht mehr.

Auf Anschlag standen hingegen alle Regler von Anfang an beim rituell aufgeladenen Schlusspunkt: Kornettist Rob Mazurek und Black Cube SP hielten nach Mitternacht eine gemeinsame Trauerfeier der etwas anderen Art ab, von breit gef├Ącherter Perkussion gepr├Ągt, den Abschied von geliebten Menschen zum alles durchdringenden Erlebnis auft├╝rmend. Insgesamt also ein Auftakt nach Ma├č f├╝r das Festival, der vor allem Lust auf mehr macht. Wem dabei das Angebot an diesem Wochenende – es werden noch u.a. Steve Coleman, J├ť with Kjetil Moster und Christian Muthspiel serviert – nicht ausreicht, der kann sich auf Nachschlag im Winter freuen: Von 22. bis 24. J├Ąnner findet unter Anlehnung an den fr├╝heren Namen des Festivals die Veranstaltung “3 Tage Jazz” im Kunsthaus Nexus sowie dem Leoganger Bergbau- und Gotikmuseum statt. Somit d├╝rfte Jazzfreunden auch in der kalten Jahreszeit warm ums Herz werden.

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