W.I.L.D. = wake-initiated-lucid-dream

W.I.L.D. – wake-initiated-lucid-dream
Sphärische Klänge des Watschen Instituts in einer luziden Traumwelt

Am 18. 04. 2012 fand im Rahmen der Konzertreihe “open music”, die längst zu einer festen Institution in der zeitgenössischen avantgardistisch-progressiven Musikszene avanciert ist, im Grazer Forum Stadtpark ein wirklich besonderes Konzert statt; nicht nur besonders durch seine musikalische AusfĂĽhrung und instrumentale Besetzung, sondern auch durch seine klanglich-visuelle Konzeption.

So versuchte das Watschen Institut in seiner hochkarätigen Besetzung, bestehend aus Maja Osojnik (Paetzold Kontrabassblockflöte, Loop Machines, Effekte), Raumschiff Englmayr (E-Gitarre), Matija Schellander (Modular Synthesizer) und Daniel Lercher (Computer) mit der kollektiven Komposition W.I.L.D. luzide Träume zu induzieren.

Was sind luzide Träume? Laut einem Artikel in einem einschlägigen freien Online-Lexikon ist ein luzider Traum ein Klartraum, in dem der Träumer sich bewusst ist, dass er träumt. Demzufolge gaben sich die Musiker dem Dienste der Forschung hin und versuchten anhand von visuellen Reizen von sogenannten Dreammachines eine dem Anschein nach musikalisch-klangliche neuropsychologische Versuchsanordnung zu initiieren, um dem Publikum ein Abdriften in eine luzide Traumwelt zu ermöglichen.

Was sind nun Dreammachines? Wiederum ein geistreiches Online-Lexikon befragend: Eine Dreamachine oder dream machine ist eine Art Lampe, die einen flackernden Stroboskopeffekt zur optischen Stimulanz erzeugt.

Nach dem Betreten eines abgedunkelten Konzertraums im Keller des Forum Stadtpark, fanden sich in der Mitte des Saales die vier ausfĂĽhrenden Musiker, hinter denen sich jeweils eine Dreammachine befand, um welche sich das Publikum positionierte.

Die Musiker generieren eine pulsierende Klangfläche, die den Charakter eines durch den Raum kreisenden Klangkontinuums  aufweist, welches den auf Turntables drehenden Traummaschinen nachempfunden ist. Diese schwebend-pulsierende Klangsphäre wird von den Instrumentalisten eindrucksvoll umgesetzt und durch gut getimte Soundsamples und Loops klanglich unterstützt. Sie versuchen Klänge zu erschaffen, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen, gleich einer luziden Klang- und Traumwelt.

Nach circa 30 Minuten reiner Soundkulisse beginnen die GlĂĽhbirnen innerhalb dieser drehenden Dreammachines zu leuchten und ein flackerndes “stroboskobierendes” Licht erfĂĽllt den Raum, wobei die Soundsphäre in den Hintergrund zu treten scheint. Aus einem zunächst gänzlich klanglichen Raum wird ein “visueller Klang”, der den Saal durchflutet; ĂĽbrig bleibt eine im Licht der Traummaschine flackernde Soundscape.

Die geschickt eingesetzten Soundriffs, Loops und Klangeffekte in Kombination mit jenen anfangs simpel wirkenden visuellen Effekten verfehlen ihre psychodelische Wirkung nicht und vielleicht möge es so manchen gelungen sein, in eine wach-induzierte-luzide Traumwelt einzutauchen (mir “leider” nicht); so stand fĂĽr mich, als auditiv-beobachtendes Individuum, eher das musikalische als das visuell-stimulierende Ereignis im Vordergrund.

Sich wiederholende dröhnende Soundpattern, gleich einem Hämmern, versuchen dem Zuhörer die klangliche Komponente wieder bewusst zu machen und ihn allmählich “aufzuwecken”, um ein gänzliches Abdriften mancher in eine unbewusste Traumwelt zu verhindern. Die durchgehende Klangfläche scheint zu verschwinden, bis nur mehr das Hämmern bleibt, welches auch in der Stille unterzugehen scheint.

Ein auĂźer- bzw. ungewöhnliches Hörereignis, gepaart mit einem wahrnehmungspsychologischen Experiment, visuellen Effekten und einer ansprechenden Leistung der Instrumentalisten. Prädikat: durchaus “hör-sehenswert”! Tinnitus fĂĽr alle!
Michael Bertha